Interview mit Kuno Gasser

« Startseite

Interview zur Wirtschaft im Schwarzbubenland

Kuno Gasser: «Einfache Lösungen gibt es nicht»

Kuno Gasser wohnt in Nunningen, wo er von 1993-2015 Gemeinderat und von 1997-2015 Gemeindepräsident war. Er kennt durch seine politische und berufliche Tätigkeit als Niederlassungs-Leiter einer Regionalbank Gewerbetreibende und die wirtschaftlichen Herausforderungen der Region wie kaum ein zweiter. Er spricht im Interview über die Chancen und Risiken im Schwarzbubenland.

Daniela A. Caviglia: «Welches sind die Stärken der Gemeinden des Schwarzbubenlandes»

Kuno Gasser: «Einer der grössten Vorteile ist die intakte Natur, wir haben ein schönes Erholungsgebiet gleich vor der Haustüre. Ich sehe uns zukünftig am ehesten als Wohnregion mit hoher Lebensqualität. Die De-Industrialisierung der letzten Jahre hat viele der regionalen Arbeitsplätze wie beispielsweise bei der Von Roll in Breitenbach zerstört. Dadurch wurde die Anziehungskraft der Stadt Basel mit ihren Arbeitsplätzen für uns noch wichtiger.»

«Dann werden unsere Gemeinden zu reinen Schlafgemeinden?»

«Das müssen wir unbedingt verhindern. Es wäre für uns schlecht, wenn der Bauer oder Gewerbetreibende in ein paar Jahren Probleme erhält, wenn er frühmorgens zu arbeiten beginnt, weil sich die Einwohner nicht mehr an Lärm und Aktivitäten im Dorf gewöhnt sind. Darum ist es für eine Gemeinde genauso wichtig, neben guten Wohnzonen auch genug attraktive Gewerbezonen zu erhalten.»


Für Gemeinden wie Nunningen wäre verkehrstechnisch genug Anbindung, um attraktiv zu bleiben, aber nicht so eng angebunden, dass Emissionen die Lebensqualität verringern, ein ideales Mass. (Bild Caviglia)

«Den Spagat zwischen Wohnregion mit hoher Lebensqualität und Gewerberegion mit attraktiven Bedingungen zu schaffen ist aber nicht leicht?»

«Nein, das ist er nicht. Und ähnlich schwierig ist es, bei der Verkehrssituation ein ideales Gleichgewicht zu schaffen. Genug Anbindung, um attraktiv zu bleiben, aber nicht zu eng eingebunden, weil sonst die Emissionen die Lebensqualität verringern. Hier müssen wir immer wieder das richtige Mass finden.»

«Also wäre die ideale Positionierung für das Schwarzbubenland eine Kombination dieser Pole?»

«Genau. Und sehr wichtig wäre es, wieder neues Gewerbe ins Schwarzbubenland zu holen. Durch die bessere Verkehrsanbindung gelingt das auch bereits, wie die neu in Laufen statt in Aesch angesiedelte Stöckli oder Similor beweisen.»

«Beide Unternehmen bieten traditionelle Arbeitsplätze. Nun gibt es aber durch die Digitalisierung auch neue Arbeitsformen. Hat man sich in der Region schon Gedanken dazu gemacht, ob man auf neue Arten von Arbeitsplätzen setzen will?»

«Eindeutig zu wenig, viel zu wenig. Bezüglich neuer Arbeitsformen wie beispielsweise Homeoffice gibt es im Schwarzbubenland fast keine Initiativen. Vereinzelt gibt es positive Beispiele, richtige Leuchttürme, aber das wäre für unsere Region sicher eine gute Chance auf mehr Arbeitsplätze.

Eine vollständige Lösung aller Probleme wäre aber auch das nicht. Die Erfahrung bei der Digitalisierung der Börse zeigte, dass nicht alles dezentral gemacht wird, was gemacht werden könnte. Die Leute wollen sich trotzdem regelmässig physisch treffen. Deshalb wäre es wichtig, dass mögliche neue Arbeitsformen breiter gestreut wären und sich nicht auf die einzelnen Leuchttürme beschränkten.»

«Leuchttürme? Was ist so ein gutes Beispiel Ihrer Meinung nach?»

«In Witterswil wurde ein ehemaliger, landwirtschaftlicher Versuchsbetrieb der Sandoz zu einem Innovationspark umfunktioniert (siehe www.tzw-witterswil.ch, Anm. der Interviewerin). In diesem wird innovativen und neugegründeten Unternehmen günstige Infrastruktur geboten. Das lockte beispielsweise einen Hightech-Rollstuhlbauer an oder einen Bienenforscher, welcher dem Bienensterben den Kampf angesagt hat. Aber wie gesagt ist dieser Innovationspark im Leimental ein einzelner Leuchtturm. Solche Projekte bräuchten wir noch mehr.»

«Was braucht es denn, um genau das zu erreichen?»

«Sie brauchen günstige Flächen, beispielsweise Laborflächen, damit sie Forschungen hier betreiben könnten. Für neugegründete Unternehmen ist es wichtig, dass sie nach der Gründungsphase weiter expandieren können, ohne gleich die Region wieder verlassen zu müssen. Meiner Erfahrung nach braucht es aber auch einen Bezug zur Region. Ohne diesen suchen die meisten Gründer und innovativen Forscher die Nähe zur ETH oder einer anderen renommierten Forschungsanstalt.»

«Noch haben wir zahlreiche Gewerbebetriebe im Schwarzbubenland. Welche Strategien gibt es, damit das auch so bleibt?»

«Ganz klar Innovation und Nischen. Innovation, das bedeutet in erster Linie Qualitätsarbeit zu liefern. Dann ist es wichtig, sich Nischen zu eröffnen und in diesen Nischenmärkten einen Ruf aufzubauen. Beispielsweise konnte eine Schreinerei von Kleinlützel schon Fenster nach New York liefern, weil der Kunde Produkte wollte, welche den europäischen Energiestandards entsprechen. Für solche Erfolge braucht es neben Innovation auch eine klare Positionierung. Beides ist vor allem bei Kleingewerbe problematisch. Man beginnt einfach mal, bleibt nachher stehen, entwickelt sich nicht wirklich weiter.»

«Wenn Sie Gewerbetreibende treffen, gibt es ein Problem, das diese plagt und das sich ganz einfach lösen liesse?»

«Einfache Lösungen gibt es nicht. Was mir immer wieder geklagt wird, ist der umständliche Umgang mit den Behörden, sei das bei der Mehrwertsteuer oder beim Einholen von Bewilligungen. Viele Kleingewerbler haben mit diesen administrativen Aufgaben Mühe und entwickeln mit der Zeit eine Allergie gegen weitere gesetzliche Vorschriften.»

«Kann ein Gremium wie der Kantonsrat dazu beitragen, die Probleme der Gewerbetreibenden abzubauen?»

«Wenn man konsequent bei jedem Geschäft im Kantonsrat dessen «Kundenfreundlichkeit» prüfen würde, könnte man die Situation schon verbessern. Man muss sich nur jedesmal fragen, ob die Neuerungen mehr oder weniger administrative Hürden mit sich bringen.»

«Wie gewerbefreundlich ist eigentlich Nunningen?»

«Verglichen mit anderen Gemeinden sind wir schon gewerbefreundlich. Wir haben klare und grosse Gewerbezonen schaffen können, auch dank der Hilfe des Kantons.»

«Wie würden Sie sich die Zusammensetzung des Nunninger Gewerbes wünschen?»

«Ich würde mir mehr Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor wünschen. Beispielsweise ein Callcenter oder ein Servicecenter wären sehr schön.»

«Welches sind prinzipiell die Herausforderungen der Gemeinden des Schwarzbubenlandes?»

«Dieselben, die andere Gemeinden mit vergleichbarem Einwohner-/Flächen-Verhältnis haben: Eine weitläufige Infrastruktur, die wir teuer unterhalten müssen. Es macht finanziell viel aus, ob 10 000 Einwohner auf kleinem Raum leben oder knapp 2000 so zerstreut wie bei uns. Strassen, Wasserleitungen; immer geht es sofort um mehrere Kilometer, das läppert sich zusammen.»

«Ist Abwanderung hier noch ein Thema?»

«Bis vor ein paar Jahren sicher. Vor allem, als viele Arbeitsplätze verloren gingen. Unterdessen sind die Verkehrsverbindungen besser und die Leute sind generell mobiler geworden. Täglich für eine Arbeitsstelle nach Basel zu pendeln, ist kein Problem mehr.»

«Ist der Schwarzbube eigentlich Solothurner oder doch nicht eher Basler durch die wirtschaftliche Ausrichtung?»

«Der Schwarzbube bezeichnet sich vermutlich nicht als richtiger Solothurner. Aber ich denke, ihm ist es in diesem Kanton wohler. Bei meiner politischen Tätigkeit habe ich öfter bei baselländischen Gemeinden Umstände erlebt, die nahelegen, dass die Schwarzbuben nicht ins Baselbiet passen würden. Dieses ist nämlich zentralisiert, alles läuft ausnahmslos über Liestal. Damit hätten unsere Leute wohl Mühe. Beim Kanton Solothurn haben die Gemeinden hingegen eine hohe Autonomie.»

«Wo wünschen Sie sich das Schwarzbubenland in zehn Jahren?»

«Ich wünsche mir eine noch bessere Verkehrsanbindung durch öffentliche Verkehrsmittel, beispielsweise durch den Ausbau der Eisenbahnlinie Delsberg – Basel zur Doppelspur. Damit wären wir noch besser an Basel angebunden, wo aktuell die Musik spielt. Neben dieser Verkehrsanbindung wünsche ich mir, dass wir weiterhin viele Angelegenheiten auch regional lösen können.

Und dann sollte das Bildungsangebot ausgebaut werden. Dadurch, dass wir zu Solothurn gehören, ist dieses manchmal kompliziert. Was interessiert es mich als Schwarzbube, dass eine Berner Schule nun auch Solothurner aufnimmt? Für mich ist relevanter, ob ich die Ausbildung auch in Basel machen kann.

Schlussendlich wünsche ich mir noch, dass unsere Gemeinden so lange wie möglich autonom bleiben können.»

«Sind denn die Gemeinden alle in der Lage, autonom zu bleiben? Oder wird wie in anderen Schweizer Regionen im grossen Stil an regionale Gemeinden gearbeitet?»

«Eine Gemeinde «Gilgenberg» kann ich mir sehr gut vorstellen. Die fünf Gemeinden des Gebirges arbeiten jetzt schon teils eng zusammen. Beispielsweise bei der Wasserversorgung, die im wahrsten Sinne des Wortes vernetzt ist. Ich kann zwar nicht abschätzen, wann eine Fusion spruchreif wird, aber das kann unerwartet schnell gehen, je nach Fortschreiten der Fusionspläne anderer Gemeinden des Schwarzbubenlands.»

«Wäre auch eine Gemeinde «Schwarzbubenland» denkbar?»

«Ich weiss nicht, ob eine Gemeinde «Schwarzbubenland» wirklich sinnvoll wäre. Bezüglich Gemeindefusionen gibt es irgendwo ein Optimum, eine Grenze. Wird sie überschritten, lohnt es sich irgendwann nicht mehr. Ausserdem ist es fraglich, ob sich Gemeinden ausserhalb des Gebirges wirklich mit uns zusammenschliessen möchten. Da sind die Interessen und Herausforderungen schon sehr unterschiedlich.»

«Vielen Dank für diese Einschätzungen, Herr Gasser.» Interview: Daniela A. Caviglia