
Warum ist diese Orgel eine besondere? Haben Sie es gewusst?
Die Brosy-Orgel in Erschwil ist im elsässischen Silbermann-Stil gebaut. Und sie hat zum einen eine bewegte Geschichte. 1788 im Elsass gebaut, wurde sie 1834 in der reformierte Barfüsserkirche in Mühlhausen aufgebaut; 1824 kam sie zur katholischen Kirche St. Bartholomäus in Dornach bei Mühlhausen (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Gemeinde im Schwarzbubenland). 1861 wurde sie in der katholischen Kirche St. Peter und Paul in Erschwil aufgestellt. So weit, so gut – doch die Geschichte nimmt noch eine geradezu dramatische Schleife. Denn im Zuge der Renovation der Erschwiler Kirche 1954 wurde die Brosy-Orgel abgebaut. Dabei stellte sich heraus, dass sie viele Beschädigungen aufwies und daher kam sie für den Wiedereinbau nicht mehr infrage. Die kantonale Denkmalpflege in Solothurn erwarb 1966 nach ihrer Intervention den Orgelprospekt mit seinen 47 Pfeifen; später fanden sich auf dem Dachboden der Kirche Pfeifen aus Holz (Register Bourdon und Flöte) und Zinn (vermutlich für das Register Doublette) sowie einer der beiden Pfeifenstöcke des Registers Cornet. Und so wäre diese Orgel nur noch als ‹Stückwerk› überliefert …
… wenn sich nicht die Kirchgemeinde Erschwil am 12. Oktober 2009 für einen Wiedereinbau der Brosy-Orgel von 1788 entschieden hätte. Am 15. Mai 2011 wurde sie eingeweiht. Fairerweise muss man sagen: Es handelt sich um eine Rekonstruktion der Brosy-Orgel unter Einbezug authentischen Materials. Warum aber so viel Wesen um diese Orgel? Damit komme ich zum anderen:
Die Familie Silbermann stand nicht nur für gute Orgeln, sie gab ihr Wissen auch weiter. Der Basler Orgelbauer Johann Jacob Brosy (1748–1816) kam dann in Berührung mit dieser Handwerkstradition, etwa als er die damalige Orgel von Andreas Silbermann im Basler Münster (1780–1797) umbaute und vergrösserte oder als er die Orgel von Johann Andreas Silbermann im Arlesheim Dom (1784) reparierte und reinigte. Er war mindestens auf diese Weise mit den Eigenschaften der elsässischen Silbermann-Orgeln vertraut.
Bei der Brosy-Orgel in Erschwil lassen sich spezifische Eigenschaften des Silbermann-Handwerks nachweisen. Das half bei der Rekonstruktion der Brosy-Orgel mit authentischer historischer Substanz. Und so erklingt Orgelmusik in Silbermannscher Tradition nicht nur in grossen Kirchen wie dem Dom von Arlesheim, sondern auch in einer Dorfkirche des Schwarzbubenlands, den jeweiligen akustischen Gegebenheiten und musikalischen Bedürfnissen angepasst.
Klangeindrücke der heutigen Brosy-Orgel sind auf der Webseite brosyorgel.ch zu finden.
Quellen
Marc Schaefer: Die Brosy-Orgel von 1788 in Erschwil
Text und Fotos: Sebastian Jüngel