Sagenweg Gempen
Flurnamen begleiten manch Wanderung – aber wovon erzählen sie? Von einer lebendigen Kultur! Der Sagen- und Flurnamenweg in Gempen zeigt seit Juni 2026 die abwechslungsreiche Landschaft dieses Hochplateaus. Gute Vorbereitung ist empfehlenswert, denn der Weg ist nicht ausgeschildert und braucht dadurch stellenweise etwas detektivisches Gespür.
Gempen ist reich an Geschichte. Davon zeugen die Flurnamen. Und das veranschaulicht der Sagen- und Flurnamenweg Gempen auf zwei Routen. Ich empfehle, sich die Route(n) im Vorfeld im Internet anzuschauen und mit einem Kartenausdruck (Screenshot) oder auf dem Smartphone genau zu verfolgen. Denn: Der Pfad selbst ist vor Ort nicht gesondert ausgezeichnet. Man muss also anhand einer Karte ziemlich gut ablesen, wo es lang geht. Ich fahre mit dem Bus bis zur Station Gempen, Dorf, und von dort zur ersten Station des Flurnamen- und Sagenwegs.
Route 1
Die erste Route startet bald hinter dem Abzweig der Dornacherstrasse nach Hochwald in der Hochwaldstrasse beim Parkplatz und dem Strassenschild Seewenweg. Hier informiert eine Tafel über die beiden Routen und dass man sich über die App Komoot leiten lassen kann. Ich möchte lieber in die Landschaft als auf den Bildschirm blicken. Ich halte mich links, gehe also den Bodenweg aufwärts. Nach vielleicht 100 Metern finde ich bereits das erste Flurnamenschild bei einer Sitzbank: ‹Schnäggerain›. Wer den QR-Code am Flurnamenschild abruft oder sich schon zuhause vorbereitet hat, erfährt: Es geht hier nicht um Schnecken. ‹Schnägge› bezeichnet ein Gefährt, das hinten zwei Räder und vorne zwei Kufen hat. Ich bleibe auf dem asphaltierten Bodenweg und biege nach vielleicht 250 Metern nach rechts ab, und befinde mich nun auf einem Naturweg. Von hier aus ist der Hof Tannmatt immer wieder zu sehen. Dann, nachdem ich rechts abgebogen bin, wird ein rätselhaftes Objekt sichtbar, das ehemalige Funkfeuer mit gleichnamigem Routenschild. Zwischendurch gibt es immer wieder Weitblicke vom Gempner Hochplatteau zu den Hügelketten, Panoramablicke, wie es sie auch an anderen Stellen der beiden Sagenweg-Routen gibt.
Am Waldstück biege ich links ab, womit ich einem Teil des Hobler Rundwegs folge, der Richtung Seewen und Hochwald führt. Nach vielleicht 200 Meter ist an einer Kreuzung die Station ‹Dopplets Chrüz›. Ich wende mich nach links. Während nun das Kreuz hinter mir liegt, sehe ich rechts, einen Steinwurf entfernt, einen Baumstamm als Quartier für Wildbienen. Ich gehe durch den Waldabschnitt. Als alten Bekannten erblicke ich von hier wieder das Funkfeuer. Ich bleibe bei der Weggabelung rechts, folge dem sich schlängelnden Weg und betrete nun einen längeren Waldabschnitt, vorbei bei ‹Chälen›. Später bleibe ich bei einer weiteren Weggabelung links und stosse bald aufs ‹Chälechrüz›. Dann trete ich aus dem Waldabschnitt heraus: Rechts gehts etwas hoch in den nächsten. Hier, wiederum bei einer Bank, ist etwas über den Flurnamen ‹Stelliwäldli› zu erfahren, einst ein Sammelplatz für das Vieh im Schatten.
Und so geht es im steten Wechsel: rein in einen Waldabschnitt, raus in die Landschaft mit freiem Himmel. Die Unterschiede liegen in der Art des Waldes: Ist er dicht, ist er licht? Und die Landschaft: Wie weit geht der Ausblick – und wohin? Nach einem leicht schlängeligen Weg unter freiem Himmel biege ich links ab und sehe vom Flunamenschild ‹Wacht› auf die Antennenanlage auf der Schartenfluh in optischer Nähe des Gempenturms. Am Schildstandort ‹Uff der Wacht› wurde früher ein Feuer – bei Krieg als Warnung – angezündet. Die erste Route geht nun noch leicht abwärts und führt zur Liestalerstrasse beim Standort ‹Haglenfeld›. Hier überquere ich die Liestalerstrasse – und bin beim Startpunkt der zweiten Route.
Route 2
Wer direkt bei der zweiten Route beginnen möchte: Der Zugang liegt beim Parkplatz am Abzweig der Liestalerstrasse gegenüber dem einmündenden Bodenweg am ‹Haglenfeld›. Nur wenige Schritte vom Übersichtsplan des Flurnamen- und Sagenwegs entfernt ist das erste Schild der zweiten Route zu finden: ‹Langhag›. Hier wird deutlich, dass ich auf diesem Wegabschnitt nicht nur Gempner Geschichte und Kultur kennenlernen, sondern auch in die Schweizer und Solothurner Geschichte eintauchen werde. Denn der Grenzhag erzählt davon, dass der Kanton Solothrun 1485 das halbe Dorf Gempen kaufte, während die andere Hälfte bei den Herren von Thierstein verblieb. Und die Grenzziehung muss wichtig gewesen sein. Denn: «Er [der Langhag] soll bis zum Schloss Dorneck hinunter gepflanzt worden sein.» Ich lasse das Schild links liegen und gehe geradeaus weiter. Bei der nächsten Gabelung bleibe ich auf dem asphaltierten Baselweg links. Auch von diesem Weg gibt es zwischen dem Bewuchs rechts eine beeindruckende Panoramasicht. Die nächste Weggabelung ist rechts weiterzugehen (sonst landet man links beim Forstwerkhof Dorneckberg). Ich weiss das, weil ich hier falsch abgebogen bin…Der Naturweg stösst nach vielleicht 250 Metern auf eine asphaltierte Strasse, dem Langerweg, dem ich gleich noch ein Mal begegnen werde. Doch sehe ich zunächst, vor der Einmündung, das Schild mit dem QR-Code für ‹Zürzech›. Hier führte einst ein Pilgerweg nach Zurzach, wohin Menschen wegen der heilenden Verena pilgerten. Und hier – und da wird es eidgenössisch relevant – versammelten sich auch die rund 5000 Soldaten, um bereit zu sein für die Schlacht bei Dornach am 22. Juli 1499; die Hauptleute standen, so das Schild, bei der Schartenfluh.
Wenige Dutzend Meter geradeaus auf der asphaltierten Strasse komme ich zum Flurnamenschild ‹Stollenhau› (hier geht es um den ‹Geist in der Bettflasche›). Ich folge der Schildform mit Pfeil nach rechts und komme auf einem Naturweg bis zur ‹Muttergottes-Eiche› mit Text und Video, wenn man den QR-Code aufruft. Nach nur ein paar Schritten weiter verlasse ich diesen Weg und gehe rechts etwas aufwärts, nun ausgewiesen als ‹Wolfenfrieden› beziehungsweise als Station ‹Wolfenfriede›. Ich durchschreite einen jungen aufgeforsteten Waldabschnitt und stosse nach einer Rechtskurve an die Stelle, wo das Schild ‹Wolfenfrieden› in die entgegengesetzte Richtung weist, also in diejenige, woher ich komme. Ich betrete links den aspaltierten Langerweg, der erst etwas, dann stärker abwärts führt. Hier gilt es nun eine Entscheidung zu treffen. Ein Schild weist links den Weg zur ‹Aebihalde›, , aber Achtung: Richtig ist der Weg nach rechts unten, steil über einen Geröllweg abwärts. Das Abenteuer beginnt, Trittsicherheit und gutes Schuhwerk sind auf diesem Wegabschnitt unverzichtbar! Bei der Weggabelung bleibe ich rechts und überquere nach vielleicht 100 Metern die asphaltierte Schönmattstrasse. Auf der anderen Strassenseite stehe ich bald bei der Flurnamenstation ‹Galgenstein›. Puh, früher war es hier vermutlich kahl, um den Galgenplatz weithin sichtbar zu haben… Heute ist hier junges Grün, wenn auch schon übermenschhoch, gewachsen. Hier fand ein Machtkampf zwischen Solothurn und Basel statt, wer weiterhin oder neu – mit Erwerb der zweiten Häflte Dornecks 1502 durch Solothurn – die Gerichtsbarkeit innehabe. Sie wurde nach Intervention einer eidgenössischen Sonderkommission Solothurn zugesprochen, immerhin ja erst seit 1481 Teil der Eidgenossenschaft. Die Todesstrafe musste jedoch mit Schwert vollzogen werden, nicht am Galgen. Und die Tatsache, dass dies von Solothurn per Eid erklärt werden musste, ist noch heute als Schwurhand auf dem Wappen von Gempen verewigt.
Steiler geht es nun aufwärts, nicht von Wanderrauten irritieren lassen, einfach geradeaus, bis linkerhand das Schild von ‹Chilchhölzli› steht. Ich gehe geradeaus, sehe Grenzsteine, stosse auf ein überdachtes Holzkunstwerk ‹Wir alle leben davon› des Fortreviers Schauenburg. Ab hier gehts scharf an der Grenze, eigentlich auf der Seite von Basel-Landschaft nach links. Hier irgendwo muss ich den offiziellen Weg verlassen haben. Im Nachvollzug bin ich zu früh links in den Prattelerweg abgebogen. Aber: Während die offizielle Führung des Flurnamen- und Sagenwegs rechts um das Restaurant Schönmatt führt, sehe ich die Anlage halt auf meiner rechten Seite. Unsicher, wo ich bin, komme ich am Restaurant Schönmatt in die Ermitage beim Zugang Chilchholz. Auch sehenswert. Richtig wäre gewesen, wenn ich schon die Abkürzung gehe und damit ‹Flösch› und ‹Jägertisch› verpasse, bei der Einmündung des Prattelerwegs in die Schönmattstrasse nach links zu gehen, also das Restaurant Schönmatt im Rücken zu behalten. Dann hätte ich die Stollenhäuser gequert, etwas über ‹Aebiholle› abrufen können und dort, mich rechts haltend, den Stollenweg weitergehen können bis zur Station ‹Schwarzhans›. Ja, auch den Spitzweg, den Bärtelrainweg, hätte ich weitergehen können, die ‹Nuglarscharte› antreffend und die letzte Station ‹Fleischflüheli›. Aber, da ich diesen Abschnitt schon einmal besucht hatte und mangels guter Vorbereitung viel früher als diesmal gescheitert war, habe ich zumindest von diesem früheren Versuch die ‹Nuglar-Scharte› kennengelernt. Die Nuglarer hatten hier den Wald gekauft, weil ihm Solothurn keine Zukunft gab, war er doch stark abgeholzt worden.
Wie kam es zum Flurnamen- und Sagenweg? Im Rahmen einer Projektwoche haben sich die 3. und 4. Klasse der Primarschule Gempen unter Leitung von Mirjam Reinprecht und Anja Altermatt mit Flurnamen beschäftigt, und zwar in Form kurzer Geschichten in Text, Audio und Video unter Anleitung von Elisabeth Kutzli. Durch die Zusammenarbeit von Büren, Hochwald und dem Bürgerrat Gempen wurde der Weg dann realisiert.
Quellen
Sagen- und Flurnamenweg Gempen
Text und Fotos: Sebastian Jüngel